„Gamechanger“ Interview: 1 Jahr ohne Social Media!

– Interview mit Jan Rein –

 

Am Anfang des Jahres entschied sich der Autor und Blogger Jan Rein 365 Tage auf Instagram, Facebook, Twitter, Snapchat und LinkedIn zu verzichten, nachdem er unter anderem das Gefühl hatte, seine Zeit sinnlos mit der Nutzung von Social Media zu verschwenden.

In seinen Podcast-Folgen „Bewusst online sein“ und auf seiner Website geht es darum, warum ein bewusster Umgang mit den sozialen Netzwerken in der heutigen Zeit von Nöten ist, in welcher Weise uns soziale Netzwerke beeinflussen und welchen Nutzen er mit seiner Abstinenz erzielen möchte. Und natürlich noch weitere, interessante Gedankengänge.

Um einen tieferen Einblick in dieses Thema zu erhalten, bat ich ihn um ein Interview:

1.Auf welche Weise hat Dich Social Media negativ beeinflusst?
Es ist nicht so, als wären meine Erfahrungen mit Social Media nur negativ. Ich habe den Kontakt zur Community von semperveganis (jetzt sattesache.de) sehr genossen und viele nette Menschen kennengelernt. Aber irgendwann wurde es mir zu laut. Zu viel. Zu fremd. Nach dem Tod meines Vaters wollte ich mehr Ruhe, brauchte mehr Zeit für mich.

Ich hatte das Gefühl (und es sollte sich als begründet herausstellen), einfach zu viel Zeit passiv und sinnfrei zu vergeuden. Vielleicht kennst du das: Du ertappst dich irgendwann dabei, wie du durch deinen Newsfeed scrollst ohne irgendwas wahrzunehmen. So ging es mir immer öfter – und ich fasste den Entschluss: Ich brauche einen 12-monatigen Social Media Entzug. Einen Neustart sozusagen. Und bisher habe ich keine Sekunde bereut.

2. Was stört Dich am Meisten an den sozialen Netzwerken?

Schwierig zu sagen. Nicht, weil mich so vieles stört, sondern weil die Frage nach einer differenzierten Antwort verlangt. Digitale soziale Netzwerke bestehen in erster Linie aus Menschen. Und da bin ich der Meinung: Kommen genug Menschen zusammen, gibt es immer ein paar Idioten, die rechte Parolen grölen, auf Ausländer schimpfen und Menschen diskriminieren. Genauso gibt es Menschen, die andere inspirieren, einen nachhaltigen Lebensstil vorleben und dergleichen.

Mir ist wichtig, dass meine Artikel und Podcasts nicht den Eindruck erwecken, Social Media sei vollkommener Müll. Aber (es gibt immer ein Aber) mich stören die doch weit verbreitete falsche Darstellung des eigenen Lebens, vorgespielte Authentizität, aber vor allem: das ständige Vergleichen. Dadurch, dass Facebook, Instagram, Twitter, Snapchat und YouTube ihren Nutzern Zahlen auf die Stirn schreiben (Follower, Likes, Kommentare, Shares etc.), ist das Vergleichen natürlich so leicht wie nie. Aber auch so falsch wie nie.
Eine Person ist aber mehr als Follower, Likes, Kommentare und Shares. Manche kommen online besser an als andere, die offline vielleicht interessanter sind. Wir sind mehr als die Summe unserer Follower – und das müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen.
3. Was würdest Du gerne in der Gesellschaft bezüglich des Medienverhaltens ändern, wenn Du könntest?

Ich appelliere in meinem Blog und Podcast an die Eigenverantwortung. Das Digitale – und dazu gehören soziale Netzwerke – sind ja nicht per se schlecht. Wir müssen aber lernen, sie so sinnvoll wie möglich zu nutzen ohne dass sie unseren Beziehungen, unserer Gesundheit und unserem Verstand schaden.

Deshalb glaube ich, dass zum ersten Schritt zu einem selbstbestimmten Leben im digitalen Zeitalter Selbstverantwortung und Achtsamkeit gehören. Selbstverantwortung heißt: Nicht die Schuld Facebook, Google, Politiker usw. zuschreiben, sondern das eigene Verhalten beobachten und anpassen. Wo wir beim Thema Achtsamkeit sind. Eigentlich mag ich den Begriff ja gar nicht, weil er so vielfältig genutzt wird, dass viele gar nicht wissen, was es eigentlich heißt. Ich würde sagen, Achtsamkeit ist den Moment wahrzunehmen und sich selbst in einem größeren Kontext einzuordnen.
Übersetzt auf das Medienverhalten heißt das:
  1. Frage dich, was du warum eigentlich gerade nutzt: Warum nutze ich Instagram gerade? Will ich mich ablenken, vor Problemen flüchten oder lernen und Neues entdecken?
  2. Frage dich, wie du dich dabei fühlst. Geht es mir gut oder schlecht damit? Werde ich ängstlich, verstärken sich meine Komplexe, fühle ich Neid und Missgunst? Oder werde ich inspiriert und tanke Motivation?
Wenn die Menschen diese beiden simplen Fragen öfter stellen würden, wäre das eine super Sache.
4. Was ist Dein wichtigstes Ziel, das Du mit deinen Podcast-Folgen erreichen möchtest?

Für einen bewussten Umgang mit unseren Smartphones, mit Social Media, dem Internet und allen technologischen Entwicklungen, die da noch kommen, plädieren. Ich bin nicht gegen die Digitalisierung – ganz im Gegenteil sehe ich große Chancen –, aber ich bin dagegen, dass wir unseren Alltag von Technologie bestimmen lassen, Beziehungen ohne digitale Geräte kaum noch stattfinden und uns im Allgemeinen von Technologie benutzen lassen.

5. Welchen Ratschlag würdest Du anderen geben, die mit Social Media bewusster umgehen wollen, aber noch nicht genau wissen, wie sie das anstellen sollen? Hast Du eventuell sogar einen Buchtipp?

Fang mit den beiden Fragen an, die ich oben vorgestellt habe. Außerdem finde ich es sinnvoll, mal zu messen, wie viel Zeit man am Smartphone verbringt (z. B. mit der App „Moment“) und regelmäßig den Newsfeed anzupassen. Also frage dich: Folge ich Person, Marke oder Organisation X aus einem bestimmten Grund? Wenn ja, aus welchem? Bereichert es mich, dieser Person, Marke oder Organisation zu folgen?

 
Buchtipps:
 „Leben 3.0: Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ von Max Tegmark
„Mensch und Maschine“ von Tomas Ramge
„Die subtile Kunst des Darauf scheißens“ von Mark Manson
„Von der Kürze des Lebens“ von Seneca
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Jan Rein ist studierter Ökotrophologe, Buchautor („Das Pups-Tabu“; Heyne), Blogger und Podcaster. Er verzichtet als ehemaliger Nischen-Influencer für 12 Monate auf Social Media und spricht in seinem Podcast „Bewusst online sein“ (auch bei Spotify) über ein selbstbestimmtes Leben im digitalen Zeitalter.

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